Transsexualität und Identität – Ein Interview

Ich hatte kürzlich die Ehre ein Interview zu geben. Gelandet ist dieses in der zett, das ist die Zeitung der Evangelischen Jugend in Bayern (ejb). Freundlicher Weise darf ich genau dieses Interview euch hier jetzt präsentieren und möchte mich auf diesem Wege noch einmal ganz herzlich bei Christina Frey-Scholz und Patrick Wolf für die gute Zusammenarbeit dabei und vorallem für die Möglichkeit dazu bedanken!

Und jetzt hier das Interview:

Als Mädchen geboren
Jetzt ist er ein junger Mann!
Julian-Alexander Bauer (19 Jahre) redet offen über seine Erfahrungen mit Transsexualität. Mit 16 hat er mit einer Geschlechtsangleichung begonnen und sagt selbst, „die Geschlechtsangleichung ist für mich noch nicht beendet.“ Julian ist Vorsitzender der Dekanatsjugendkammer und seit kurzem auch Vorsitzender des Stadtjugendrings Schweinfurt.

Was bedeutet Transsexualität?
Transsexualität oder auch Transidentität bedeutet, die Betroffenen fühlen sich in ihrem
Körper nicht wohl da dieser nicht ihrem empfundenen Geschlecht entspricht.

Wie hast du deine Kindheit erlebt?

Meine Kindheit war vom Alleinsein geprägt. Bereits im Kindergarten trug ich Jungenkleidung, prügelte mich mit anderen und war ein Außenseiter. Das hat sich bis auf mein letztes Schuljahr auch so fortgesetzt. Ich war nie wirklich glücklich, die Mädchen mochten mich nicht, weil ich ein Junge war, die Jungs mochten mich nicht, weil ich in ihren Augen ein Mädchen war.

Wann war für dich klar, dass etwas in dir anders ist?

Ich wusste eigentlich schon immer, dass ich anders bin. Schon im Kindergarten spürte ich, dass es für mich keine passende Schublade gab. Ich dachte wie ein Junge, doch mein Körper war der eines Mädchens – und wurde trotz wünschen und beten zu keinem Jungenkörper.

Wie hat dein Umfeld reagiert?

Ich hatte das Glück, dass meine Eltern mich selten in die Mädchenrolle gezwängt haben. Es spielte für sie keine Rolle, ob ich ein Mädchen oder ein Junge war. Mit 16 outete ich mich als „transsexuell“. Zuerst bei Freunden, die größtenteils wenig überrascht waren. Dann kam ein Stein ins Rollen: In der Schule kämpfte ich darum, von den Lehrern anerkannt zu werden, die Klassenkameraden taten es, zum Glück. Meine Mutter hatte es schon immer geahnt und darauf gewartet, dass ich mich oute. Sie stand voll hinter mir. Mein Vater tat sich anfangs sehr schwer. Er war gegen medizinische Maßnahmen und wollte es nicht akzeptieren. Heute vergisst er schon mal gerne meine Transsexualität und sieht mich ganz selbstverständlich als seinen Sohn an. Wirklich schlechte Erfahrungen habe ich nicht gemacht.

Was hat dir geholfen, mit den Veränderungen umzugehen?

Wichtig war und ist bis heute mein Therapeut. Um sich operieren zu lassen und männliche Hormone zu bekommen, muss man i.d.R. 18 Monate lang zu einem Psychiater gehen. Mit den Veränderungen kam ich ziemlich gut klar. Schwieriger war es für mich, wenn sich etwas nicht veränderte oder jemand nicht Julian zu mir sagte und meine männliche Identität nicht erkannte. Das war zermürbend. Auch während der rechtlichen Änderung meines Namens, die über ein Jahr dauerte, war es gut, jemanden zu haben, um seinen Frust abzuladen. Für mich ging es um Leben und Tod. Meine Freundin lernte ich kennen, als ich noch kein Jahr männliche Hormone bekam und mein Name noch
nicht offiziell geändert war. Trotzdem war und bin ich für sie Julian.

Hast du an Suizid gedacht?

Ich hab mich vor dem Outing jahrelang gequält, hatte schwere Depressionen, konnte kaum schlafen und hatte Suizidgedanken und -versuche. Es war schon kein Leben mehr. Mir war klar: entweder ein Leben als Mann oder als „Frau“ den Tod. Ich habe mich für das Leben entschieden. Geholfen hat mir, geliebt zu werden als der, der ich bin.

Glaubst du an Gott?

Ja, ich glaube an Gott. Und ich glaube, dass ich mit dem Weg der Geschlechtsangleichung nicht in sein Handwerk pfusche, wie manche meinen. Auch wenn mein Leben mit einem von Geburt an passendem Körper einfacher wäre, sehe ich es heute als eine gewisse Gabe, die Gott mir mitgegeben hat.

Wie reagieren Menschen auch in der Kirche auf dich?

Ich war überrascht wie positiv bei mir alles verlief. Man hört ja immer, die Kirche sei dagegen. Ich habe da ganz andere Erfahrungen gemacht. In der EJB bin ich ganz selbstverständlich anerkannt. Wenn ich mich heute nebenbei oute, heißt es häufig: „Was, du warst mal ein Mädchen? Niemals!“ Ich bekomme Respekt, dass ich den Schritt der Angleichung gewagt habe. Dann erkläre ich gerne, wie meine Angleichung bisher gelaufen ist und wie
ich jetzt auf dem Weg bin, meine Identität endlich ausleben zu können.

 

Vielen Dank für das offene Gespräch!
Patrick Wolf

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